Topic: Die Unschärfebeziehung und die Hervorbringung des Werkes

Aus:
Hans Dieter Huber. Die Unschärfebeziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter. Anmerkungen zu den Installationen Martin Conraths.
Das Problem, das sich hier stellt, ist das der Individuation. Sie ist beobachterabhängig. Es ist deshalb sinnvoll, sich an dieser Stelle noch einmal die Ausführungen Werner Heisenbergs über die prinzipielle Unschärfe von Beobachtung und den daraus resultierenden wesentlichen Eigenschaften des beobachteten Gegenstandes ins Gedächtnis zu rufen. "Man erkennt daraus, daß die Charakterisierung eines Systems ... nicht nur Eigenschaften dieses Systems bezeichnet, sondern auch Angaben über den Grad der Kenntnis des Beobachters über das System enthält." (9) Die ästhetischen Erfahrungen zweier Beobachter können durchaus komplementär zueinander sein, sie können sich ausdrücklich widersprechen. Die fundamentale Unbestimmbarkeit der Individuation kann zur Komplementarität der Beobachtungen führen. Zwei ästhetische Befunde zweier verschiedener Personen mögen mit allen an der Installation beobachtbaren Sachverhalten übereinstimmen, und dennoch können sie zu miteinander unververträglichen, komplementären ästhetischen Erlebnissen führen. (10)
Das grundlegende Paradox,das sich hier zeigt, ist das der sprachlichen Unschärferelation der Beobachtung, welche die Unbestimmbarkeit solcher Fragen zur Folge hat. (11) Sicher können wir uns als Individuen immer für eine Antwort entscheiden und sie fällt uns auch überhaupt nicht schwer. Dennoch müssen wir uns vor Augen halten, daß immer mehrere verschiedene Antworten gleichzeitig möglich sein werden, ohne daß wir eindeutig und ohne Willkür entscheiden könnten, welche davon die einzig richtige ist.
Nicht das Werk selbst [enthält] eine Antwort oder eine ästhetische Botschaft, sondern erst in dem heiklen und komplizierten Wechselwirkungsprozeß zwischen Beobachter und zu beobachtendem Gegenstand [kommt] so etwas wie ein ästhetisches Erlebnis zustande. Wir antworten in unserer existentiellen Situation, mit unseren Intuitionen, Stimmungen, Erwartungen, Überzeugungen und Vorurteilen auf das Werk, nicht das Werk auf uns. Das Werk selbst sagt gar nichts. Und es wird zweitens klar, daß es mehrere verschiedene, zueinander widersprüchliche ästhetische Erlebnisse geben kann, die alle für sich durchaus mit allen beobachtbaren Sachverhalten übereinstimmen können und dennoch zu unverträglichen, miteinander nicht kompatiblen Resultaten führen können. Diese verschiedenen ästhetischen Erlebnisse lassen sich nicht auf eine einzige "objektiv richtige" Antwort reduzieren.
Das Werk selbst [enthält] keinen Inhalt oder eine Botschaft, sondern der Mensch [tritt] als Beobachter mit seinem Verhalten und seinen Einstellungen, Meinungen, Vorurteilen und Gewohnheiten in einen unscharfen Wechselwirkungsprozeß von Beobachtung und beobachtetem Gegenstand ein und [produziert] in diesem Wechselwirkungsprozeß dasjenige, was wir im Allgemeinen ein Bild oder ein ästhetisches Erlebnis nennen.
Damit wird die Arbeit des Künstlers natürlich nicht unterschätzt. Im Gegenteil, es kommt exakt auf die präzise Konstellation dieser Vorgabesituation an, damit die Wirkungen im Beobachtungsprozeß wirksam werden können. Damit ist dem Betrachter eine große Verantwortung übergeben. Er ist letzten Endes dafür verantwortlich, was er sieht und erlebt. Der bekannte Unmut über zeitgenössische Kunst wird damit zu einem Spiegel, der auf den Äußernden selbst zurückfällt. Mark Rothko hat diese Verantwortung, die der Betrachter in diesem Wechselwirkungsprozeß hat, so gut wie wohl kein anderer in Worte gefasst: "Ein Bild lebt durch das Miteinander, sich ausweitend und belebend in den Augen des feinfühligen Betrachters. Es stirbt auch daran. Es ist daher riskant, ein Bild in die Welt zu senden. Wie oft geschieht es, daß ein Bild verkommt durch die Augen der Fühllosen und die Grausamkeit der Unfähigen, die ihren Jammer auf die ganze Welt erstrecken wollen!" (15)
In einem Rückblick auf die ältere europäische Kunst zeigt sich, daß jegliche Form von Kunst, sei es Höhlenmalerei, Grafik, Skulptur, Architektur keinen Inhalt und oder Botschaften enthält, sondern daß der jeweilige Beobachter in Wechselwirkung mit dem jeweiligen Gegenstand eine ästhetische Antwort auf die vor ihm oder um ihn herum befindliche Situation produziert. Und diese Antwort wird zum Inhalt des Bildes, zu seiner Form, zu seiner Farbigkeit, zu seiner Bedeutung und zu seiner Funktion. Das Bild selbst enthält gar nichts davon.
Das einzelne Bild ist somit in seiner ontologischen Situation am Ende des 20. Jahrhunderts von völlig anderen Voraussetzungen umgeben als zu Beginn dieses Jahrhunderts. Als faktischer Wert, als ein realer Gegenstand, ist es von einem Raum von Möglichkeiten umgeben, welcher aus der Art und Weise, wie wir in der Wahrnehmung die Dinge zueinander in Beziehung setzen, entsteht. Das Werk selbst, als ein physikalisches Faktum, ist im Vergleich zu seinen Möglichkeiten, die es in der Wahrnehmung enthält, so gut wie nichts. Das Werk an sich ist nämlich kein Gegenstand, den wir auch nur irgendwie wahrnehmen oder beobachten könnten. Erst die Möglichkeiten, welche durch die aktive Inbeziehungssetzung des beobachteten Gegenstandes zu Anderem entstehen, zeigen das mögliche Umfeld und den Umraum auf, in welchem der künstlerische Gegenstand hin- und herzuschwingen in der Lage ist und in dem er seine Bedeutungen offenbart.
In dieser Situation des ausgehenden Jahrhunderts wird der Begriff des Gebrauchs zu einem zentralen Schlüsselbegriff. Letztlich entscheidet der Gebrauch, den wir von einem faktischen Gegenstand machen, über die Möglichkeiten, die er erhalten kann.(16) Und der Gebrauch, den wir von einem Kunstwerk machen, entscheidet darüber, welchen Inhalt, welche Form, welche Farbe, welche Bedeutung und welche Funktion er von uns zugesprochen erhält.
In diesem Verständnis ist die räumliche Anordnung und Präsentation der Installation "ohne orte" keine notwendige oder logische. Die Teile der Installation können beliebig miteinander vertauscht und anders aufgebaut werden. Die tatsächliche Präsentation ist nur eine Möglichkeit von vielen. MC stellt in seinen Werkkomplexen immer wieder die Frage nach der Faktizität der Dinge und ihren unendlichen Möglichkeiten, welche die Antwort auf diese Fragestellung liefern. Viele seiner Arbeiten bestehen aus einer Anzahl von Grundelementen, die beliebig miteinander kombiniert werden können und in der jeweiligen konkreten Kombination bestimmte ästhetische Möglichkeiten entfalten. Erst in der speziellen Installationsanordnung kann eine Antwort auf die Frage gegeben werden, was die Dinge sind. Die Antwort lautet: "Jetzt sind sie das!". In der nächsten Anordnung sind sie schon wieder etwas ganz anderes. Das ist die Unschärfe, von der ich vorhin gesprochen habe und die sich nicht wegreduzieren läßt.
In dieser dialektischen Spannung von Faktizität und Possibilität läßt sich der Möglichkeitsraum eines künstlerischen Gegenstandes ausloten und es läßt sich der jeweilige Ort des Gegenstandes, der faktische Fixpunkt seiner Identität bestimmen. Das ist der Grundgedanke einer nicht- bildlichen und nicht-metaphysischen Malerei.


Anmerkungen:


(9) Heisenberg führt in diesem Zusammenhang das Begriffspaar von Möglichkeit und Wirklichkeit eines Geschehens ein. Ein Objekt wird nur noch als ein Spektrum von Möglichkeiten gesehen, das bei Messung einer seiner Größen diesen oder jenen Wert mit dieser oder jener Wahrscheinlichkeit liefert, ohne daß vom Objekt her der Ausgang einer solchen Messung im Voraus bestimmt wäre. Jede der erwähnten Möglichkeiten kann durch eine tatsächlich vollzogene Beobachtung des Systems faktisch werden. Werner Heisenberg,Die Entwicklung der Deutung der Quantentheorie, in: Krüger 1970, S.424
(10) Wie Quine dies jüngst für allgemeine Theorieformulierungen in "Theorien und Dinge",Frankfurt 1985, S.44 gezeigt hat.
(11) "Man könnte dies, so scheint es, im Prinzip vermeiden, wenn man System und Meßapparat als Gesamtsystem völlig von der Außenwelt trennen könnte. Bohr hat aber mit Recht immer wieder darauf hingewiesen, daß für den Meßapparat die Verbindung mit der Außenwelt zu den Voraussetzungen für sein Funktionieren gehört; denn das Verhalten des Meßapparates muß als etwas Faktisches registriert und damit in anschaulichen Begriffen beschrieben werden können, wenn der Apparat überhaupt als Meßinstrument dienen soll,und dazu ist die Verbindung mit der Außenwelt nötig." Werner Heisenberg,Die Entwicklung der Deutung der Quantentheorie, a.a.O., S.425
(15) Mark Rothko,in: Tiger´s Eye,No.2,1947,p.44
(16) Ludwig Wittgenstein, Logisch-Philosophische Abhandlung, Werkausgabe Bd.1, Frankfurt 1984, S.23: "Um das Symbol am Zeichen zu erkennen, muß man auf den sinnvollen Gebrauch achten. ... Wird ein Zeichen nicht gebraucht, so ist es bedeutungslos."



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