Topic: Sieg über die Sonne - die russische Avantgarde und Malewitsch

Als die russische Avantgarde 1913 mit einer futuristischen Oper den “Sieg über die Sonne” feierte und dem technisch-industriellen Fortschritt huldigte (und allerdings auch schon wieder über ihn hinauswies), da prangte auf dem von Kasimir Malewitsch entworfenen Bühnenvorhang neben anderen abstrakten Bildelementen ein schwarzes Quadrat. Malewitsch sah in dem Motiv durchaus einen Bezug zur Kultur der Ikonenmalerei. In seiner Tafelbildvariante ist es dann als “Schwarzes Quadrat auf weißem Grund” selbst zu einer Ikone - nicht des Göttlichen, sondern der Moderne - geworden. Die Licht-Metapher, die das strahlende Signum der Aufklärung darstellt, wird hier in dialektischer Umkehrung zu einem zwar dunklen, dafür hochpotenten Energiefeld verdichtet. Malewitsch sah sein Schwarzes Quadrat als “Keim aller Möglichkeiten” 4; es bedeutet mithin mehr als das Licht der Aufklärung. Diese besorgte mittels der Vernunft die rationale Erleuchtung der Welt, mit Descartes, Kant, Voltaire als ihren Wortführern. Malewitsch und seine fortschrittlich gestimmten Freunde setzten auf Schwarz und gingen eine Stufe weiter: Sie zielten mit der Kraft unbegrenzter Energie auf die komplette Neugestaltung der Welt.
(MIchael Hübl, Auf dem Lichtfriedhof, Kunstforum 190)