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Topic: Silvia Seja - Über Bildhandeln

Silvia Seja
Über Bildhandeln

Das zusammengesetzte Wort »Bildhandeln« wird bei Eva Schürmann (»Die Bildlichkeit des Bildes. Bildhandeln am Beispiel des Begriffs Weltbild«. In: Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.): Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung, Köln 2005) implizit in die Genitivformulierung »Handeln der Bilder« aufgelöst: Das Handeln der Bilder besteht darin, dass die Bilder dem Betrachter gewissermaßen selbst etwas zeigen, was auf keinem anderen Wege als der für Bilder typischen Sichtbarkeit zugänglich ist. Zeitgleich mit dieser bildeigenen Zeigehandlung vollzieht der Betrachter eine Handlung, indem er sich das Bild – und dessen bildeigenes Handeln – anschaut, und genau die dabei erzielte »indem-Verbindung« habe eine Strukturaffinität zum Performativitätsgedanken des Sprechaktes: »Nimmt man die Rede vom Bildhandeln im ungegenständlichen Sinne ernst, muss auch das (Bilder-) Sehen als Handlung und als performative Vollzugsform des Bildes aufgefasst werden.«

Doch so vielversprechend der Vorschlag ist, Bildhandeln als Handeln des Bildes und des Betrachters zu interpretieren, so strittig sind seine Prämissen. Mag man auch die Darstellungsleistung des Bildes als Handlung und das Bild als eine Art Handlungssubjekt beschreiben, ist es aber nicht möglich, die Bildwahrnehmung als Handlung des Betrachters zu beschreiben. Denn wie der Philosoph Gilbert Ryle schon 1953 schreibt ("Begriffskonflikte", Göttingen 1970 (1953)), kann von einem Handeln nur bei Ereignissen und Vorgängen gesprochen werden, die prinzipiell Gegenstand der Beobachtung und des Experimentes sein können. Man mag es kaum glauben, aber mit der Bildwahrnehmung scheint es sich ähnlich wie mit dem Elfmeterschießen im Fußballspiel zu verhalten. Genauso wenig wie das Schießen eines Tores beim Elfmeter lässt sich nämlich die Bildwahrnehmung als Vorgang, als Handlung beschreiben: »[W]ir können vernünftigerweise nicht fragen, wie viele Sekunden das Schießen des Tores gedauert hat; denn bis zu einem gewissen Augenblick hatte die Mannschaft eben kein Tor, und im nächsten hatte sie eins. Zwischen diesen beiden Augenblicken gab es keinen dritten, in dem die Mannschaft ihr Tor halb oder die erste Hälfte des Tores geschossen hätte. Das Schießen eines Tores ist kein Vorgang, sondern der Endpunkt einer und der Anfang einer neuen Spielphase.«

Der systematische Hintergrund für diesen Gedanken Ryles ist das aristotelische Argument, dass Verben wie »sehen«, »lernen« oder »gehen« zwar eine Verlaufsform suggerieren, aber keine Handlungen, sondern so etwas wie unvollendete Bewegungen bezeichnen, eben weil sie sich nicht zeitlich oder räumlich wie Handlungen eingrenzen lassen. Obwohl Bilder keine physikalischen Dinge wie Fußbälle sind, hat auch das Sehen eines Bildes keinen Anfang und kein Ende, und deshalb ist das Sehen eines Bildes keine Handlung. Man kann die Zeit des Bildersehens nicht wie einen sukzessiven Prozess in einzelnen Phasen beschreiben, weil in jedem Augenblick, in dem man »Jetzt sehe ich das Bild« sagte, entweder gelten würde, dass ich das Bild noch nicht oder aber dass ich es schon längst gesehen habe. Dagegen könnte man durchaus die Zeit stoppen, die man brauchte, um den Satz »Jetzt sehe ich das Bild« zu äußern. Nur hätte man es in diesem Falle eindeutig mit einem Sprechakt statt mit einem Bildakt zu tun.

Es geht um die Frage »Wann ist ein Bild?«, und die einzig richtige Antwort darauf laute: ein materieller Gegenstand ist genau dann ein Bild, wenn man mit ihm eine Prädikationshandlung nach dem Vorbild von Sprache vollzieht, ihn also begrifflich bestimmt. Damit verbindet sich die Annahme, so Klaus Sachs-Hombach ("Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft" (2003)), dass nicht Eigenschaften, sondern begriffliche Bestimmungen – Funktionsbegriffe – verantwortlich für die Zuschreibung des Bildstatus und die Existenz von Bildern sind: »Diese Annahme zu akzeptieren heißt, eine anti-essentialistische Position (und damit eine Gebrauchstheorie des Bildes) einzunehmen.« Während der Schwerpunkt beim Gebrauch von Werkzeugen auf der praktischen Dienlichkeit liegt, läge er bei einer solchen »Gebrauchstheorie des Bildes« auf Funktionsbegriffen.


aus: "Verwandte Bilder. Die Fragen der Bildwissenschaft." Ingeborg Reichle, Steffen Siegel, Achim Spelten (Hg.) Berlin: 2008