1

Topic: G. Seeslen: Bilder und Geschichte - linearer und magischer Code

Georg Seeslen schreibt in einem Text über Historizität im Comic - unten angehängt - dass es zwei sich gegenüberstehende Systee gäbe: Das lineare system, bei dem jedes bild das nächste bedingt oder hervorbringt und die erzählung sich linear fortentwickelt. dieses system geht mit der historischen ideologie des fortschritts einher, entsteht sozusagen aus der fortschritts-ideologie.

das zweite system ist das des archaischen bildes, d.h. eines bildes, dass sich der linearität und der bildfolge widersetzt oder es zumindest beansprucht. der kampf zwischen den bildern und ihrem anspruch auf eigenständigkeit einerseits und der bildfolge mit ihrem bestehen auf unterordnung des einzelnen bildes unter die folge andererseits, ist für Seeslen das zentrale Spannungsmoment des Comics, und auch ein politisch-ideologisches Problem.

"Das Genre [des Historiencomics] ist ein System, die unhistorische Macht der Bilder der Ordnung der Erzählung zu unterwerfen. All die grandiosen oder konventionellen Bilder der klassischen Genreerzählung sind demnach nur erlaubt unter der ordnenden Macht der Erzählung und ihrer Historizität. Umgekehrt erwarten wir in Comics stets jenen magischen Moment, in dem das archaisch-poetische Bild sich über die Begrenzung des linearen Codes erhebt. So haben wir hier den unauflösbaren Widerspruch zwischen dem linearen, historischen und dem bildhaften, magischen Code als den größten ästhetischen Reiz.

Mit dem visuellen Code kann so etwas wie ein Respekt für das Geheimnis, für den Widerspruch erweckt werden. Respekt, der sowohl verhindert, dass das Vergangene vollständig der Rationalisierung unterworfen wird, als auch unterbindet, dass es Opfer eines negativen Exotismus wird, der in allem Nichtrationalisierbaren sogleich nur das Fremde sieht, dessen man sich nur durch Kampf und Vernichtung entledigen kann. Den grundlegenden Widerspruch des Comics zwischen dem rationalen linearen Code und dem symbiotisch-irrationalen, bildhaften Code hat man allzu lange zur strukturellen Assimilation von Feindbildern und Machtphantasien benutzt: Die Faszinationen des optischen Codes sind offenbar leicht an das „Böse“ zu binden, dem Guten bleibt letztendlich auf dem linearen Code nur die Vernichtung der 'faszinierenden' Bilder."

Nimmt man unser erstes Bild für sich, so ist es ein überraschend vielschichtiges, sozusagen tiefes Bild, über Macht, Mythos, Natur, und Verortung, man kann auch Heimat sagen. Der Habitat, das Behausen, das Behaust- bzw. Unbehaustsein als anthropologische Bedingung, spielt eine faszinierende Rolle.

Wenn das zweite Bild hinzukommt, wird sofort eine Erzählung daraus. Auf einmal geht es um Hybris, um Kampf, um Bewegung, Veränderung. Das erste Bild dagegen scheint still zu stehen. Selbst wenn man weiß, dass das Hitlers Haus ist (das würde ich immer mitdenken wollen) gibt es eine ahistorische, von mir aus archaische Qualität. Das ist für mich die Faszination des "magischen Codes". Dass Hitler nur eine Episode war, kann man hier nicht sehen. Im gegenteil, hier ist ewigkeit als poltiischer anspruch, bildlich perfekt eingefangen! Aber mit dem zweiten Bild kommt diese historische Bewegung herein, noch ganz ohne Wertung (Gott sei dank, hitler ist weg! Oh wie schade, alles kaputt hier!)

Das interessiert mich an dieser Bildfolge und da sehe ich die Nähe zum Comic. Die Bilder weisen also über sich hinaus.

Bei "Erschauern Begreifen" hatten wir die Bilder, die in die Tiefe offen sind, die mise-en-abymes etwa. Hier haben wir die Bilder, die linear offen sind, unabgeschlossen, weil sie sich in diese Linearität einordnen müssen. Müssen sie das? Gibt es eine Möglichkeit den magischen Code des ersten Bildes gegen das zweite zu schützen? Ist das die Spannung? Dass das erste Bild ewigkeit als politische forderung illustriert, und das zweite bild sagt: ätsch, is' nicht! Wobei das Bild sich in zwei Ebenen aufspaltet: Die vordere, sozusagen humane Bildebene verändert sich. Die hintere nicht!

Worin besteht der Schlag gegen die Nazi-Ideologie. In der Zerstörung des Hauses, oder in der stoischen Unveränderlichkeit der Alpen? Wer gewinnt hier? Die Briten oder die Berge?

2

Re: G. Seeslen: Bilder und Geschichte - linearer und magischer Code

Der Link zum Seeslen-Text, weil man den nicht auf das blöde Forum hochladen kann:

https://www.dropbox.com/s/e4oq4j7olcnao … r_Raum.pdf

3

Re: G. Seeslen: Bilder und Geschichte - linearer und magischer Code

Thematisch in die gleiche Richtung geht dieser Text über das Indiz im Comic. Also das Bildelement, das gewissermaßen in das nächste Bild überleitet, oder genauer, das die Handlung bildlich weiter trägt. Also das, wovon wir später erst verstehen, dass es relevant für die narration war, während alles mögliche andere hintern runter fällt. Ich dachte beim ersten Lesen, das wär wichtig für uns, jetzt aber nicht mehr. Schön ist eigentlich eher die Beschreibung der Goetheschen Bildästhetik, die auf Unabgeschlossenheit zielt. (Es geht da um die Laokoon-Diskussion in der deutschen Klassik).

https://www.dropbox.com/s/ajgiuc2vgp1qb … _Indiz.pdf