Topic: andre malraux: das imaginäre museum

Lektüre Notizen Dezember 2008



Es mag an der zeitlichen Differenz zu den Fünfziger Jahren liegen, aber Malraux' Text bleibt mir eigenartig unverständlich. Einerseits hält er sich interpretierend stark zurück ist über weite Passagen deskriptiv, narrativ, wobei mir nicht immer klar wurde wozu diese deskriptiven Ausführungen geschweige denn die endlosen namens- und werkauflistungen gut sind. Zum anderen ist er stilistisch in einem geradezu missionarischen pathos verfasst. Mir schien das in weiten passagen auffällig unkritisch gegenüber den historischen werken und einem sagen wir mal bildungsbürgerlichen ästhetischem urteil, oder werkverständnis. Dabei tue ich Malraux vermutlich unrecht, denn aus der damaligen sicht, kann seine these schon revolutionär und anti-essentialistisch geklungen haben und ich finde sie für uns im nahchinein doch ganz brauchbar.



Die zentralen Thesen des Textes scheinen mir 1) das Museum befreit die Kunst und 2) Kunst ist Stil.





Dieser historische Prozess der Befreiung und Autonomisierung (1) geschieht durch das almähliche Herauslösen der Kunstproduktion aus dem Bereich des Sakralen. Das ist ein ziemlich junger Prozess, um 18. Jahrhundert. Durch das nebeneinanderstellen der werke wird ihre vergleichbarkeit ermöglicht, was dann eigentlich erst den Raum der Kunst konstitutiert. Man könnte m.E. sagen, dass dieser Raum das „imaginäre Museum“ ist, also das Wissen um die Werke. Ein einzelnes Kunstwerk ist für die Produktion wie für die Betrachtung immer an einen jeweiligen Kontext gebunden, erst durch das Wissen um die Vielzahl der Werke wird es aus diesem Kontext gelöst und erhält damit einem neuen Wert als Kunsterwerk im Raum der Kunst. Durch dieses Wissen, das konkret durch die Institution Museum und die massenhafte reproduktion ermöglicht wurde, verändert sich die ganze künstlerische Setzung, Kunstproduzenten verlgeichen ihre arbeit plötzlich mit anderen werken und epochen und streben verbesserung, erweiterung, das ausreizen der technischen möglichkeitne und vermutl. auch erst so etwas wie künstlerische individualität an.




Malraux nennt das ergebnis „Stil“ (2). Stil ist das, was werke überhistorisch und überfunktional, oder sagen wir mal überkontextual macht, bzw. auszeichnet. Er führt dann viele Beispiele an, in denen ein Werk stil hat ein anderes nicht. Entschiedend scheint mir jedenfalls, das still immer verlgeichbarkeit voraussetzt, bzw.ein ergebnis dieser zu sein scheint.




Malraux führt aus, dass die großen Maler der Vergangenheit selbst ein sehr eingeschränktes Bildwissen hatten, also sehr wenig Kunst selbst sehen konnten. Nur das Kennen von Kunstwerken und das Vergleichen verschiedener Epochen erlaubt es also die Kunst wirklich zu würdigen. Es gibt mehrere stellen, an denen Malraux darlegt, dass Künstler nur durch den Vergleich und das Vorbild eines anderen relevant geworden sind, bzw. werden, wenn sie also rückblickend so betrachtet und kontextualisiert werden. Die meisten Beispiele kann ich nicht nachvollziehen, eben weil ich die Werke nicht kenne – mein imaginäres Museum zu klein ist.




Man kann also sagen: das Museum kontextualisiert die Kunstwerke im Raum der Kunst und de-kontextualisiert sie damit aus anderen Bedeutungsfeldern. Das gilt dann auch für sakrale Werke der antike oder der vorzeit, sobald der kontext mal gemacht ist.




Malraux' These scheint mir eine Einschränkung der Eigenständigkeit des Werkes, denn sie besagt, dass sowohl die Größe eines Werkes als auch die Bestimmung von Kunst überhaupt nur aus dem diskursiven Feld heraus möglich ist. Das diskursive Feld ist aber eben nicht der historische Kontext (das auch) sondern der museale oder katalogische Diskurs.




Da scheint mir für die damalige Zeit auch einige Brisanz zu liegen. Man kann das vergleichen mit Rancieres These, das ästhetische Abstraktion eine sprachlich-diskursive und keine visuelle Problematik ist. Auch Ranciere zweifelt also die Eigenständigkeit oder sagen wir die Hoheit des Visuellen, des Bildbetrachtens an. Man könnte vielleicht mit den Worten Rancieres auch bei Malraux von einem Regime sprechen, dem „Regime der Katalogisierung“.




Um das mal in andere Worte zu fassen, kann man das Museum so beschreiben: ein diskussionsraum, in dem die werke durch ihren ästhetischen ausdruck in einen dialog treten, der betrachter nimmt an diesem dialog eher vermittelt teil, gewissermaßen als schiedsrichter oder klassenlehrer. Das heißt, der Dialog ist zwischen den Werken bereits da, er ist im zeitalter der reproduktion und des museums sogar bereits beim schaffen der werke da, weil künstler sich im kunst raum verorten und so „stil“ entwickeln.




Das legt einen neuen Akzent, eine neue Richtung, und zwar weg von der dialogischen Situation zwischen Werk und Betrachter, hin zu einem Dialog zwischen den Werken selbst, und zwar allen, die das „imaginäre Museum“ umfasst. In der Produktion würde das bedeuten, dass künstler für den kunstraum produzieren, nicht für betrachter. Der dialog findet eigentlich gar nicht statt. Die Betrachtung ist ein dialog zweiter ordnung, ein metadiskurs vielleicht, oder ein dazwischenreden, reinreden? Tatsächlich können sich nur werke mit einander unterhalten, weil sie der gleichen ordnung entstammen, fiktionen sind. Mensch und bild dagegen sind sich fremd. Man kann also sagen, die bilder unterhalten sich untereinadner und die betrachter können diesen diskurs zumindest ansatzweise begreifen und einen eigenen diskurs daraus bilden. Verschiedene sprachen, verschiedene existenzen?




Das sind natürlich meine gedanken, Malraux sagt all das nicht, aber ich finde das hier impliziert. Die letzte Konsequenz Malraux' Stil-Gedanken scheint mir sozusagen ein l'art pour l'art zu sein. Das gegenbeispiel bietet malraux auch, kunstbetrachtung in asien, die angeblich folgendermaßen abläuft:




„Soweit es sich nicht um religiöse Kunst handelt, ist Kunstgenuß in China zunächst an den Besitz des Werkes gebunden und vor allem an seine Isolierung. Ein Bild wird nicht ausgestellt, sondern entrollt, und dies vor einem Liebhaber im Zustand der Gnade; dessen Einswerden mit der Welt tiefer und reicher zu machen, ist seit fünfzehn Jahrhunderten die Bestimmung des Kunstwerks.“




Auch hier ist aber bemerkenswert, dass das Bild eine Gabe oder ein Index eines Menschen an/für einen anderen ist. Es handelt sich wieder um ein Dreieck.



Die westliche Handhabung, nämlich: „Bilder einander gegenüberzustellen ist ein intellektueller Prozess und steht als solcher in grundsätzlichem Gegensatz zu jener Hingabe, aus der allein Versenkung möglich wird. Mit den Augen Asiens gesehen ist das Museum vielleicht eine Stätte der Belehrung, im übrigen aber doch nur ein absurdes Konzert, darin pausenlos und ohne Ende widersprechende Melodien einander folgen und sich vermengen.“ (9)




Also halten wir fest: die idee des „imaginären musums“ stellt die dialogsituation und die intimität des betrachtens in frage. Demnach wäre eine versenkung in das bild, was ein wirklicher eins-zu-eins-dialog wäre, gar nicht mehr möglich. Es ist längst ein betrachten zweiter ordnung, wie O'Doherty es nennt.




Mag sein, dass der minimalismus, insbesondere die colour-field-malerei genau das, das betrachten erster ordnung. wieder zu erlangen versucht, und zwar, in dem die bilder eigentlich den werkstatus verlassen. Bei rothko und auch schon bei friedrich, wird der bildrahmen aufgelöst in den raum hinein, was das tafelbild aufllöst zu einer rauminstallation. Aber auch diese ist natürlich wieder verlgeichbar und damit teil des „imaginären museums“. Das werk wird sofort zum „exponat“, und damit zu einem „beispiel“ von strategie, stil usw.




die fragen die sich hieraus ergeben sind also folgende:




1) wie sind alternative betrachtungs-situationen beschaffen (asien, antike, kinder, usw.). Was für ein dialog ist da am werk? Was ist seine qualität?




2) ist die dreiecksbeziehung konstituierend für kunstbetrachtung, wenn ja, wie?




3) kann ein werk heute und für uns außerhalb des kunstraums als werk betrachtet werden und wenn ja, womit haben wir es dann zu tun?




4) welche rolle spielt dabei das neue, die überraschung und das nicht-zuzuordnende? Vielleicht das spektakuläre?

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Re: andre malraux: das imaginäre museum

I was very pleased to see that you have included André Malraux in you blog.  Philosophers of art have largely ignored him and many art historians (not all thankfully) have just treated him to silly abuse. (Gombrich is a prime example).  Very few take the trouble to read him, and even fewer read him carefully.    Which is very unfortunate because his thinking is both profound and revolutionary.

Unfortunately I cannot comment on your reading notes because I do not read German and the Google translator did not help much.   

Derek Allan