Topic: wie weiter? - 3. Teil - Lyotard und das Erhabene

Zu deiner Bemerkung, dass es bei unserem Gegenstand einfach um das Nicht-Repräsentierbare ginge, zwei Anmerkungen:
Zum einen ist der Begriff der Unmöglichkeit der Darstellbarkeit fraglich, wenn man mit Ranciere argumentiert. Das haben wir hier schon Mal sehr schön zusammengefasst. Darstellbarkeit ist demnach immer eine Frage der Vereinbarung. Was ist zum Beispiel eine Zeus-Statue? Eine Darstellung göttlicher Kraft, des Transzendenten, oder das Bildnis eines Mannes? Ich würde Lyotard in dem Punkt genau mit Ranciere kritisieren wollen.
Die andere Anmerkung betrifft die Perspektive: Lyotard argumentiert hier aus der Produktionsperspektive, aus der Perspektive der künstlerischen Intention. Aber das Erhabene ist m.E. vor allem eine phänomenologische Kategorie, etwas, das erlebt wird. Wenn ich das Erhabene erlebe, dann erlebe ich vermutlich etwas, das die Begriffe übersteigt, aber nicht die Erfahrung. Die Erfahrung mache ich aber mit dem Werk und mit seinen künstlerischen Strategien. Ist es also nicht viel eher so: Das Erhabene ist die Möglichkeit der Repräsentation, die keinen Begriff findet, also jenseits des Begriffs stattfindet. Lyotard sagt genau das Gegenteil: "wir haben einen Begriff von der Totalität der Dinge, können sie aber nicht abbilden." In dem er das sagt, beweist er ja, dass es - in diesem speziellen Fall - einen Begriff gibt. Nämlich: Totalität der Dinge. Was wäre nun seine Abbildung?
Ich glaube, die Frage muss weniger sein, was stellt das Erhabene dar, also was bildet es ab, sondern welcher Art sind die Darstellungsmittel, dass sich die Sensation des Erhabenen einstellt? Also liegt Erhabenheit nicht im Gegenstand sondern in der Form. Es geht nicht darum, etwas bestimmtes darzustellen (oder daran zu scheitern), sondern darum, eine Darstellungsform zu finden, die den Gegenstand überflüssig werden lässt, die reine Form ist. Das würde auch erklären, warum das Erhabene mit dem Mittel der Abstraktion erzeugt wird.
Aber noch mal zurück zu deiner Annahme, dass es bei der Permeabilität um Momente geht, in denen die Repräsentation zu kurz kommt. Zu kurz kommt, bezogen worauf? Es ist doch viel eher eine Erweiterung der Repräsentation als ein Zu-Kurz-Kommen, oder? Wir sagen zwar, Permeabilität kann auch durch defekte Repräsentation entstehen. Aber da scheitert ja kein künstlerischer Wille an seinem Gegenstand, sondern die Sensation der Verunsicherung ergibt sich quasi als Nebenprodukt. Die Permeabilität erschafft etwas schwer benennbares, indem sie aus dem Rahmen der Repräsentation heraustritt, aber über den Gegenstand dieser Repräsentation ist damit noch nichts gesagt.
Wie weiter 2
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Re: wie weiter? - 3. Teil - Lyotard und das Erhabene

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Re: wie weiter? - 3. Teil - Lyotard und das Erhabene

Ich verstehe. Das erhabene also pur als Erfahrung. Die Kunstwerke nutzen verschiedene Strategien, um eine Erfahrung zu erzeugen. Ich verstehe auch die Idee, dass nichts un-darstellbar ist. Ranciere nennt das die eigentliche revolutionäre Entwicklung, denn er sieht darin „die Aufhebung der repräsentativen Vermittlungen und Hierarchien. An ihre Stelle tritt ein Regime der unmittelbaren Identität zwischen der absoluten Entscheidung des Denkens und der reinen Faktizität.“ (141)        blog Jan. 5. 2009
Ist das wirklich so?