Topic: BAUCHSCHNITT - Marlene Streeruwitz

In Mittelafrika gibt es einen Stamm, bei dem den jungen Männern zur Initiation der Bauch aufgeschnitten wird. Die Initianten müssen auf ihr und in ihr Inneres in der geöffneten Bauchhöhle blicken. Danach wird der Bauch wieder geschlossen. Und der junge Mann ist in die Gesellschaft aufgenommen. Mit allen Rechten des Mannes. Des Mann-Seins.
Ich hörte diese Geschichte im Radio. In einer Sendung über Medizin bei Naturvölkern. Die Berichterstatterin interessierte es, dass von der Prozedur des Bauchaufschneidens nur nadelspitzenfeine Narben zurückblieben. Dass es keine Infektionen gäbe. Und dass die Initianten aus der Ohnmacht, in die sie beim Anblick ihrer Eingeweide fielen, erfrischt und euphorisch wieder aufwachten. Sie wiesen keine Symptome oder Nachwirkungen eines Schockzustands auf. Kräuter und die Kraft der Suggestion wurden als medizinische Hilfsmittel angegeben. Dann führte der Bericht weiter zu Kopfoperationen im alten Ägypten. Und ich schaltete das Radio ab.
Ich hatte den Schock, der den Initianten erspart geblieben. Die Vorstellung, die Ältesten meiner Gesellschaft zwängen mich, mir den Bauch aufschneiden zu lassen, den Kopf anzuheben und in mein Inneres zu blicken. Diese Vorstellung macht mich immer noch schaudern. Ich müsste ansehen, wäre gezwungen dazu, das anzusehen, was ich zuinnerst bin, was sich mir aber immer verhüllt. Ich weiß nicht, ob mir eine Ohnmacht reichte, diesen Anblick, diese Situation zu bewältigen.
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Was sieht der junge Mann in seinem Bauchinneren? Warum muss ihm das überhaupt gezeigt werden? Der geschundene Leichnam Jesu, an Klassenwänden hängend. Die zerwühlten Leichen aus Massengräbern, gezerrt in die täglichen TV-Nachrichten. Immer soll an die Möglichkeit des Todes gemahnt werden. Aber allgemein so. Der Blick der Initianten ins eigene Lebensinnere ist dagegen die Enthüllung des Körperinneren in aller Verletzlichkeit. Ist der Blick auf die eigene Endlichkeit. Auf den eigenen Tod. Ist der Blick auf jenes Ereignis also, dessen Einschätzung über unsere Einstellung zum Leben entscheidet. Und über die Funktion von Zeit und Freiheit in unserem Leben. Wie wir unseren Tod entwerfen, so wird unser Leben aussehen. […]
Unsere Tragödie ist natürlich genau diese Grundkonstellation: Dass auf das Leben der Tod folgt. Um wie viel einfacher sähe die Sache aus, könnte man zuerst sterben und dann leben. Eine Vorstellung übrigens, deren Verführungskraft sich die meisten Religionen zunutze machen. Wieviel einfacher wäre es, könnte man wissen und dann lernen. Erst zahlen und dann genießen. Sich erst voneinander trennen und dann zusammen leben.
Marlene Streeruwitz. Sein. Und Schein. Und Erscheinen. 1997. 7ff