Topic: Roland Barthes: La mort de l'auteur (dt)

Roland Barthes: Der Tod des Autors1

(1967/68)
In seiner Novelle Sarrasine schreibt Balzac2 über einen als Frau verkleideten Kastraten den folgenden Satz: „Das war die Frau mit ihren plötzlichen Ängsten, ihren grundlosen Launen, ihren unwillkürlichen Verwirrungen, ihren unmotivierten Kühnheiten, ihren Wagnissen und ihrer reizenden Zartheit der Gefühle.“ Wer spricht hier? Ist es der Held der Novelle, um den Kastraten zu ignorieren, der sich hinter der Frau verbirgt? Ist es das Individuum Balzac mit seiner persönlichen Philosophie über die Frau? Ist es der Autor Balzac mit seiner persönlichen Philosophie über die Frau? Ist es der Autor Balzac, der ‚literarische’ Ideen über das Weibliche verkündet? Ist es die Weisheit schlechthin? Die romantische Psychologie? Wir werden es nie erfahren können, einfach deswegen, weil die Schrift jede Stimme, jeden Ursprung zerstört. Die Schrift ist der unbestimmte, uneinheitliche, unfixierbare Ort, wohin unser Subjekt entflieht, das Schwarzweiß, in dem sich jede Identität aufzulösen beginnt, angefangen mit derjenigen des schreibenden Körpers.
Das ist sicherlich immer schon so gewesen: Sobald ein Ereignis ohne weitere Absichten erzählt wird – also lediglich zur Ausübung des Symbols, anstatt um direkt auf die Wirklichkeit einzuwirken – vollzieht sich diese Ablösung, verliert die Stimme ihren Ursprung, stirbt der Autor, beginnt die Schrift. […] Der Autor ist eine moderne Figur, die unsere Gesellschaft hervorbrachte, als sie am Ende des Mittelalters im englischen Empirismus, im französischen Rationalismus und im persönlichen Glauben der Reformation den Wert des Individuums entdeckte – oder, wie man würdevoller sagt, der ‚menschlichen Person’. […] Der Autor beherrscht immer noch die literaturgeschichtlichen Handbücher, die Biographien der Schriftsteller, die Zeitschrifteninterviews und sogar das Selbstverständnis der Literaten, die in ihren Tagebüchern Person und Werk verschmelzen möchten. Unsere heutige Kultur beschränkt die Literatur tyrannisch auf den Autor, auf seine Person, seine Geschichte, seinen Geschmack, seine Leidenschaften. Noch immer sehen die Kritiker im Werk von Baudelaire3 nichts als das Versagen des Menschen Baudelaire, im Werk von van Gogh nichts als dessen Verrücktheit, im Werk von Tschaikowski nichts als dessen Laster. Die Erklärung eines Werkes wird stets bei seinem Urheber gesucht – als ob sich hinter der mehr oder weniger durchsichtigen Allegorie der Fiktion letztlich immer die Stimme ein und derselben Person verberge, die des Autors, der Vertraulichkeiten preisgibt.
Wenngleich die Vorherrschaft des Autors immer noch ungebrochen ist […], so wird sie doch seit längerem von einzelnen Schriftstellern attackiert. In Frankreich hat wohl als Erster Mallarmé4 in vollem Maße die Notwendigkeit gesehen und vorausgesehen, die Sprache an die Stelle dessen zu setzen, der bislang als ihr Eigentümer galt. Für Mallarmé (und für uns) ist es die Sprache, die spricht, nicht der Autor. Schreiben bedeutet, mit Hilfe einer unverzichtbaren Unpersönlichkeit – die man keineswegs mit der kastrierenden Objektivität des realistischen Romanschriftstellers verwechseln darf – an den Punkt zu gelangen, wo nicht ‚ich’, sondern nur die Sprache ‚handelt’. Mallarmés gesamte Poetik besteht darin, den Autor zugunsten der Schrift zu unterdrücken (was bedeutet, wie wir noch sehen werden: den Leser an seine Stelle zu rücken). […] [Es hat] die Linguistik ein wertvolles analytisches Instrument zur Zerstörung des Autors entwickelt, weil sie verdeutlicht, dass eine Äußerung insgesamt ein leerer Vorgang ist, der reibungslos abläuft, ohne dass man ihn mit der Person des Sprechers ausfüllen müsste. Linguistisch gesehen, ist der Autor immer nur derjenige, der schreibt, genauso wie ich niemand anderes ist als derjenige, der ich sagt. Die Sprache kennt ein ‚Subjekt’, aber keine ‚Person’. Obwohl dieses Subjekt außerhalb der Äußerung, durch die es definiert wird, leer ist, reicht es hin, um die Sprache zu ‚tragen’, um sie auszufüllen.
Die Abwesenheit des Autors (man könnte hier mit Brecht von einer wirklichen ‚Distanzierung’ sprechen: der Autor wird zu einer Nebenfigur der literarischen Bühne reduziert) ist nicht nur ein historisches Faktum oder ein Schreibakt, sondern verwandelt den modernen Text von Grund auf. Mit anderen Worten: Der Text wird von nun an so gemacht und gelesen, dass der Autor in jeder Hinsicht verschwindet. Zunächst einmal verändert sich die Zeit. Der Autor – wenn man denn an ihn glaubt – wird immer als die Vergangenheit seines eigenen Buches verstanden. Buch und Autor stellen sich in ein und dieselbe Reihe, unterschieden durch ein Vorher und Nachher. Der Autor ernährt vermeintlich das Buch, das heißt, er existiert vorher, denkt, leidet, lebt für sein Buch. Er geht seinem Werk zeitlich voraus wie ein Vater seinem Kind. Hingegen wird der moderne Schreiber im selben Moment wie sein Text geboren. Er hat überhaupt keine Existenz, die seinem Schreiben vorausginge oder es überstiege; er ist in keiner Hinsicht das Subjekt, dessen Prädikat sein Buch wäre. Es gibt nur die Zeit der Äußerung, und jeder Text ist immer hier und jetzt geschrieben. Und zwar deshalb, weil (oder: daraus folgt, dass) Schreiben nicht mehr länger eine Tätigkeit des Registrierens, des Konstatierens, des Repräsentierens, des ‚Malens’ (wie die Klassiker sagten) bezeichnen kann, sondern vielmehr das, was die Linguisten im Anschluss an die Oxford-Philosophie5 ein Performativ6 nennen, eine seltene Verbalform, die auf die erste Person und das Präsens beschränkt ist und in der die Äußerung keinen anderen Inhalt (keinen anderen Äußerungsgehalt) hat als eben den Akt, durch den sie sich hervorbringt – etwa das Ich erkläre von Königen oder das Ich singe von sehr alten Dichtern. […] [Die Hand des modernen Schreibers zeichnet], abgelöst von jeder Stimme und geführt von einer reinen Geste der Einschreibung (nicht des Ausdrucks), ein Feld ohne Ursprung – oder jedenfalls ohne anderen Ursprung als die Sprache selbst, also dasjenige, was unaufhörlich jeden Ursprung in Frage stellt.
Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die Botschaft des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen, von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. […] [Der Schreiber kann] nur eine immer schon geschehene, niemals originelle Geste nachahmen. Seine einzige Macht besteht darin, die Schriften zu vermischen und sie miteinander zu konfrontieren, ohne sich jemals auf eine einzelne von ihnen zu stützen. Wollte er sich ausdrücken, sollte er wenigstens wissen, dass das innere ‚Etwas’, das er ‚übersetzen’ möchte, selbst nur ein zusammengesetztes Wörterbuch ist, dessen Wörter sich immer nur durch andere Wörter erklären lassen […]. Als Nachfolger des Autors birgt der Schreiber keine Passionen, Stimmungen, Gefühle oder Eindrücke mehr in sich, sondern dieses riesige Wörterbuch, dem er eine Schrift entnimmt, die keinen Aufenthalt kennt. Das Leben ahmt immer nur das Buch nach, und das Buch ist selbst nur ein Gewebe von Zeichen, eine verlorene, unendlich entfernte Nachahmung.
Die Abwesenheit des Autors macht es ganz überflüssig, einen Text ‚entziffern’ zu wollen. Sobald ein Text einen Autor zugewiesen bekommt, wird er eingedämmt, mit einer endgültigen Bedeutung versehen, wird die Schrift angehalten. Diese Auffassung kommt der Literaturkritik sehr entgegen, die es sich zur Aufgabe setzt, den Autor (oder seine Hypostasen7: die Gesellschaft, die Geschichte, die Psyche, die Freiheit) hinter dem Werk zu entdecken. Ist erst der Autor gefunden, dann ist auch der Text ‚erklärt’, und der Kritiker hat gewonnen. Daher ist es nicht erstaunlich, dass, historisch gesehen, die Herrschaft des Autors auch diejenige des Kritikers gewesen ist und dass die Kritik […] heute zusammen mit dem Autor verschwindet. Die vielfältige Schrift kann nämlich nur entwirrt, nicht entziffert werden. Die Struktur kann zwar in allen ihren Wiederholungen und auf allen ihren Ebenen nachvollzogen werden (so wie man eine Laufmasche ‚verfolgen’ kann), aber ohne Anfang und ohne Ende. Der Raum der Schrift kann durchwandert, aber nicht durchstoßen werden. Die Schrift bildet unentwegt Sinn, aber nur, um ihn wieder aufzulösen. Sie führt zu einer systematischen Befreiung vom Sinn. Genau dadurch setzt die Literatur (man sollte von nun an besser sagen: die Schrift), die dem Text (und der Welt als Text) ein ‚Geheimnis’, das heißt einen endgültigen Sinn, verweigert, eine Tätigkeit frei, die man gegentheologisch und wahrhaft revolutionär nennen könnte. Denn eine Fixierung des Sinns zu verweigern, heißt letztlich, Gott und seine Hypostasen (die Vernunft, die Wissenschaft, das Gesetz) abzuweisen.
Kehren wir zu Balzacs Satz zurück. Niemand (das heißt: keine Person) spricht ihn. Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der wahre Ort der Schrift, sondern die Lektüre. […] So enthüllt sich das totale Wesen der Schrift. Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen. Es gibt aber einen Ort, an dem diese Vielfalt zusammentrifft, und dieser Ort ist nicht der Autor (wie man bislang gesagt hat), sondern der Leser. Der Leser ist der Raum, in dem sich alle Zitate, aus denen sich Schrift zusammensetzt, einschreiben, ohne dass ein einziges verloren ginge. Die Einheit eines Textes liegt nicht in seinem Ursprung, sondern in seinem Zielpunkt – wobei dieser Zielpunkt nicht mehr länger als eine Person verstanden werden kann. Der Leser ist ein Mensch ohne Geschichte, ohne Biographie, ohne Psychologie. Er ist nur der Jemand, der in einem einzigen Feld alle Spuren vereinigt, aus denen sich das Geschriebene zusammensetzt. Deshalb ist es lächerlich, die neue Schreibweise im Namen eines Humanismus verdammen zu wollen, der scheinheilig vorgibt, die Rechte des Lesers zu verteidigen. Die traditionelle Kritik hat sich niemals um den Leser gekümmert; sie kennt in der Literatur keinen anderen Menschen als denjenigen, der schreibt. Inzwischen lassen wir uns nicht mehr von solchen Antiphrasen täuschen, mit denen die gute Gesellschaft anmaßend Anschuldigungen erhebt zugunsten dessen, was sie selbst gerade ausgrenzt, übersieht, erstickt oder zerstört. Wir wissen, dass der Mythos umgekehrt werden muss, um der Schrift eine Zukunft zu geben. Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.

1 Roland Barthes: Der Tod des Autors. Aus dem Französischen übersetzt von Matias Martinez. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Herausgegeben und kommentiert von Fotis Jannidis [u. a.], S. 185-197, Stuttgart 2000. Der Text Roland Barthes ist in seiner vorliegenden Gestalt von Sebastian Fendrich redigiert und mit Anmerkungen versehen worden. – Roland Barthes (1915-1980), französischer Semiologe, gilt neben dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss, dem Philosophen Michel Foucault und dem Psychoanalytiker Jacques Lacan als einer der Begründer und Hauptvertreter des Strukturalismus, der seit den 60er Jahren den Existenzialismus als dominierende Denkrichtung in Frankreich ablöst. Die antimetaphysische Haltung des Strukturalismus ergibt sich aus seinem Interesse, vom menschlichen Subjekt prinzipiell unabhängige Strukturen zu erforschen, die sowohl das Unbewusste als auch die soziokulturellen Zeichen- und Kommunikationssysteme prägen.


2 Honoré de Balzac (1799-1850) – französischer Romancier, der im 19. Jahrhundert den soziologischen Realismus im französischen Roman begründet und gestaltet.


3 Charles Baudelaire (1821-1867) – französischer Dichter, dessen lyrischer Zyklus Les Fleurs du Mal (dt.: Die Blumen des Bösen) bei seinem Erscheinen im Jahre 1857 zu einer Verurteilung Baudelaires wegen Gefährdung der Sittlichkeit führt. Baudelaires Werk gilt als wichtiger Bezugspunkt der europäischen Literatur der Dekadenz und des Ästhetizismus.


4 Stéphane Mallarmé (1842-1898) – französischer Dichter, der als bedeutender Vertreter eines ästhetizistischen Symbolismus gilt.


5 Gemeint ist die angelsächsische Tradition der Analytischen Philosophie, die seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Absetzung gegen die neuzeitliche Metaphysik nicht mehr Dinge, Ereignisse oder Sachverhalte als solche, sondern die sprachlichen Strukturen einzelwissenschaftlicher Aussagen und Prinzipien thematisiert.


6 Die performative Form einer sprachlichen Artikulation meint im Unterschied zu ihrem propositionalen Inhalt die jeweils besondere Tätigkeit des Sprechaktes, durch den ein bestimmter Bedeutungsgehalt zur Äußerung gelangt. So kann die semantische Einheit ‚Ransmayrs Buch lesen’ auf performativer Ebene durch jeweils unterschiedliche Sprechhandlungen verwirklicht werden, die freilich jeweils andere Funktionen erfüllen: ‚Ich habe Ransmayrs Buch gelesen.’ (Behauptung), ‚Hast du Ransmayrs Buch gelesen?’ (Frage) oder ‚Lies Ransmayrs Buch!’ (Befehl). Die bekanntesten Sprechakttheoretiker sind die sprachanalytischen Philosophen John Langshaw Austin (1911-1960) und John Rogers Searle (1932).


7 Hypostase (gr.-lat.) – Vergegenständlichung eines Begriffes, der eigentlich nur in Gedanken existiert.
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