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Topic: Abschluss und Dank: Mail an David und Alexander

18.02.2013

Lieber Alexander, lieber David,

ich bin inzwischen schon wieder unterwegs, diesmal aber in den Urlaub. Ich danke Euch beiden noch mal fürs Mitspielen!
Ich kam Freitag um 8 von diesem Think Tank aus Frankfurt zurück, hab mich dann an die Lecture gesetzt und noch 3 Stunden gearbeitet. Dann Samstag morgen nochmal wobei ich da auch die ganze Videotechnik einrichten musste. Schließlich war ich um 16:00 fertig mit dem Text und der PP-Präsentation und um 17:00 ging's los. Ich wusste auch wirklich bis 16:00 noch nicht, was eigentlich die These oder der Schluss des ganzen sein würde.

Ich hab mit dem Film angefangen, was super funktioniert hat, weil die Leute einerseits den Humor verstanden haben, und andererseits wirklich keine Ahnung hatten, was das soll. Wenn man den Film so sieht, wirkt das glaub ich sehr cinematografisch, und weniger wie eine Dokumentation. Das ist toll, weil ich danach erkläre, dass wir eigentlich nur dieses schlussbild wollten, und dann verändert sich die bedeutung des films nochmal komplett. das schlussbild zeige ich dann auch noch mehrmals im laufe der lecture. auch die szene mit dem umfallen, die man am anfang nicht sieht, kommt drei mal, als eine art zwischenstopps oder fragezeichen oder etwas fatalistischer kommentar auf das, was ich da gerade gesagt habe.

das problem war für mich, ich hatte diese bilder und diesen tollen film und auch viel, was ich wahrnehmungstheoretisch und kunstgeschichtlich darüber sagen kann. das sind alles interessante sachen: der rahmen als kognitive und poetische strategie. die verbindung von fenstern und landkarten. unterschiedung als voraussetzung für wahrnehmung. kontingenz der unterscheidungen. das problem des eigenen standortes. dann stelle ich als aesthetische poetiken den comicstrip - seitlich offene bilder, zwei bilder die sich zu einer narration verbinden - und die  zentralperspektive - in die tiefe offene bilder - vor. dann erklär ich wie die operation des rastern und rahmen von natur sowohl in der architektur wie in der technik des perspektivischen zeichnens verwendet wird.

tja und dann gibt es irgendwie eine argumentationslücke, oder wie es in wissenschaftswitzen immer heißt: "und an dieser stelle im modell passierte etwas vollkommen unerklärliches."

ich versuche im letzten teil eigentlich die operation des rahmenziehens, die sozusagen eine sichere betrachterposition herstellt, durch einen exemplarischen grenzfall in Frage zu stellen. Dafür habe ich zuerst den Mönch am Meer nochmal gezeigt und dann ein bild aus der letzten lecture, auf dem ich zu sehen bin, an der gleichen stelle in dem gleiche raum. das bild zeige ich erst, so wie alle anderen bilder und den film auf einer fläche von etwa anderthalb mal einem meter auf der wand. also relativ klein. dann schalte ich den beamer um, angeblich, weil man es dann besser sehen kann, und zeige das gleiche bild sozusagen raumfüllend. die tür in der wand zum beispiel liegt dann genau auf der realen tür. ich steh dann natürlich auch mit im bild. dann mache ich einen rahmen um das bild, wieder damit man es besser erkennt. das nächste bild ist dann nur ein goldener rahmen, das bild darin fehlt und ich stelle mich als stellvertreter an die stelle, wo ich in dem bild vorher stand. jetzt ist sozusagen die realität gerahmt und ich behaupte, dass das im rahmen natürlich das bild ist, das drumherum die realität. so in etwa. dann kommt in dem großen goldenen rahmen nochmal der filmausschnitt mit dem umfallen unseres rahmens, quasi als kleines zitat, damit auch jeder den zusammenhang schnallt.

als nächstes bild zeige ich das holodeck der enterprise, also dieses typische neonfarbene raster, wieder auf die größe der ganzen wand. meine halb ironische these lautet dazu, dass wir inzwischen nicht mehr nur die natur rahmen, sondern selbst natur erschaffen können. technischer fortschritt. und wie machen wir das? natürlich mit dem gleichen alten verfahren, in dem wir erst ein raster zeichnen und jetzt in diesem raster die natur entstehen lassen. und, das sage ich dann auch, wenn man star treck kennt, dann weiß man das das problem mit dem holodeck immer ist, wie man wenn die tür findet, wenn man mal in dieser künstlichen natur drin ist. und dann geh ich durch die tür, die auch in dem holodeck raster liegt, ab. und das ist das ende.

ich dachte eigentlich, dass man die parodie auf ein vortragsende deutlich erkennt, aber bisher war es beide male so, dass die leute nicht gleich geklatscht oder gelacht haben. deswegen bin ich nach 10 oder 15 sekunden zurückgekommen und hab mich bedankt.

tja, das ist es im wesentlichen gewesen. da kann man vieles vorallem argumentativ schärfer bekommen. mal abgesehen davon dass ich recht sorglos mit begriffen wie natur- und kulturraum umgehe. im "zeitalter der kontamination" (Dirk Baecker) sehr
fragwürdig. aber meine beispiele sind ja auch historisch, insofern geh ich damit sehr lax um. auch breche ich die thesen von georg seeslen über den historischen comic glaub ich ziemlich simpifiziert runter. und diese ganze frage der inszenierung des raums und meiner position darin ist sehr schlampig gelöst. es gab halt keine probe! und am sonntag war ich zu faul da jetzt nochmal ranzugehen. aber ich bin trotzdem zufrieden

interessanterweise kam beide male danach die frage, warum wir das foto nicht gemacht haben. ich hab dann erklärt, dass der filmstill das foto ist. aber das scheint doch einen unterschied zu machen für die leute, ob video oder fotografie.

wenn ich jetzt rückblickend sagen soll, was eigentlich die these oder meine politische und ästhetische position zu dem komplex ist, dann wäre das am ehesten, das man sich den verunsicherungen aussetzen sollte. und als symbolische aktion (und damit als konkretes handeln) heißt das, das man an den ort geht. so wie hierzegger, der mir langsam zu einem mythischen kunsthelden wird, und so wie wir siebzig jahre später. das wäre dann ein plädoyer für eine involvierende poetik, eine poetik der überschreitungen und der nähe. hmmm, so in der art.

zum veranstaltungsrahmen muss man noch mal sagen, dass das unheimlich gut funktioniert und für mich sinn macht, diese arbeiten progammatisch an so einem ort einzubinden. die lecture war jetzt der abschluss der comicausstellung einen raum weiter und es gab jeweils eine stunde davor führungen durch die ausstellung. auch wenn ich gar nicht so viel über comics rede, bekommt diese komische arbeit, die wir da machen, plötzlich einen anker, der dem publikum auch sehr hilft. bei der musik lecture im november war das auch so ähnlich, wobei ich es diesmal besser gelöst fand. und inzwischen gibt es auch eine kontinuität mit dem ort. wir haben da jetzt erschauern begreifen, black cube (in einer frühen version), performance und die letzten beiden lectures gezeigt. natürlich wäre das Bozart oder das ZKM schöner, aber die leute vom zeitraumexit sind stolz darauf, und denen liegt was an dieser art von arbeit. und das ist ehrlich gesagt auch nicht oft.

also - ende gut alles gut. ich würde gerne nochmal an dem material arbeiten, und sollte es irgendwann eine weitere aufführung geben, muss ich das auch machen. dann sprechen wir weiter. den obersalzberg-film werde ich ins netz stellen, wenn ich wieder da bin. ich hoffe, da habt ihr nichts dagegen. es gibt auch eine aufzeichnung der lecture, aber die kenne ich noch nicht.

grüße

jp