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Topic: Der Unterschied - Kompletter Text

Das ist der Text der LP in der letzten Fassung, allerdings nur in Stichworten, da ich größtenteils frei vorgetragen habe. Hoffentlich mache ich nochmal eine lesbare Schriftfassung des Ganzen, dann aber mit Bildern. Die LP habe ich zweimal gehalten, am 16.+17. Februar 2013.

:

A)
Intro

Mein Name ist Jan-Philipp Possmann.
Herzlich Willkommen zu
Catalog of Situations: Der Unterschied der die Umgebung schafft.

Seit 2008 arbeite ich zusammen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern an Vorträgen oder kleinen Performances oder Installationen, die sich mit der Kunst anderer Leute beschäftigen.

Vor drei Monaten durfte ich hier eine Arbeit zeigen, die sich mit einer Schallplatte von Hannes Wader beschäftigt. Und in den vergangenen 5 Jahren hab ich zusammen mit dem Regisseur David Weber-Krebs im zeitraumexit Lecture Performances gezeigt, die sich mal mit der Malerei der Romantik und mal mit Peformances der 60er Jahre beschäftigen. Und diese Arbeiten haben wir unter dem Titel CATLAOG OF SITUATIONS zusammengefasst. Daher der etwas umständliche Titel der heutigen Veranstaltung.

Bei dieser Reihe geht es uns immer darum, über persönliche Erfahrungen, Seh- oder Hörerfahrungen, mit Werken zu sprechen, und nicht darum kunsthistorische Vorträge zu halten.

Sie alle haben das vermutlich: Einen Popsong, ein Bild, eine Situation, an die sie sich jahrelang immer wieder erinnern, ohne, dass sie genau sagen können, warum gerade diese Begegnung hängen bleibt, und vor allem, warum genau dieses Werk, das vielleicht überhaupt kein bedeutendes vielleicht nicht mal ein besonders gutes Kunstwerk ist.
Es gibt eine schöne Formulierung des Literaturkritikers Emil Staiger, die man gewissermaßen als Überschrift über diese Reihe stellen könnte: „Begreifen, was uns ergreift.“
Auch heute wird es um ein Werk gehen, das kaum bekannt ist, und bei dem fraglich ist, ob es sich dabei überhaupt um Kunst handelt.

Aber bevor ich in das Thema einsteige, möchte ich noch einen Satz zum Format sagen:

Die Veranstaltung ist als Lecture Performance angekündigt. Was heißt das? Es heißt, dass Sie erst mal einen Vortrag hören werden, ich werde also relativ viel reden. Da es bei dieser Arbeit aber darum geht, die eigene Sehweise und die eigene Begeisterung zu hinterfragen, und sie alle dazu aufzufordern, das gleiche zu tun, versuche ich, nicht einfach einen Vortrag zu halten, sondern etwas weiter zu gehen, das Format des Vortrags spielerisch zu unterlaufen und zu erweitern, es vielleicht zu hinterfragen. Und mich und sie vielleicht damit zu überraschen.
B)
FILM

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C) These

Dieser Film ist vor etwa drei Wochen entstanden.

Der bildende Künstler und Zeichentrickfilmer Alexander Schellow, der Regisseur David Weber-Krebs und ich sind auf den Obersalzberg bei Berchtesgaden gefahren, um ein Foto nachzustellen.

Genauer: Eine Reihe von Bildern herzustellen oder eine Reihe zu vervollständigen.

Das erste Bild, um das es geht, ist dieses hier:
[Foto 1]

Ein Propagandafoto – Inhalt

Das zweite Foto – Hierzegger
[Foto 2]

Das dritte Bild haben Sie am Ende des Films gesehen
[Still]

Es sind auch drei Stadien dieses Gebäudes, nämlich des Berghofs, Hitlers Führerhauptquartier auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden:
intakt – zerstört – abwesend
[Postkarte Hierzegger]

Uns ging es aber nicht darum, Hitlers Haus wieder auferstehen zu lassen, sondern es ging uns um das Fenster,
und dabei eigentlich auch nicht um das Fenster,
sondern um das, was das Fenster in diesen Bildern tut,
nämlich einen Rahmen zu bilden für die Landsc  haft dahinter
und eine Öffnung für den Raum davor.

Der Grund für diese Aktion ist, dass ich der Meinung war, dass das Faszinierende dieser Bilder,
also das was mich ergreift,
dieser Rahmen ist.
Weder das Gebäude davor, noch das Panorama dahinter, sondern dieser architektonisch genau definierte Übergang oder diese genau definierte Grenze zwischen Vorder- und Hintergrund, zwischen Innen- und Außenraum. Man könnte auch sagen zwischen begrenztem Raum und unbegrenzter Welt.

Wenn man nun diesen Innenraum, also Hitlers Haus, weglässt, dann erkennt man vielleicht, so unsere Versuchsanordnung, was der Rahmen mit dem Blick auf die Landschaft macht, oder was der Unterschied ist, der hier eine Umgebung schafft.

[Still Film]
D) Überlegungen

Sie merken schon, das alles ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Denn wir haben es mit verschiedenen Abbildern, verschiedenen Rahmen, und in jeder Abbildung mit verschiedenen Ebenen zu tun.
Deswegen kann diese Aktion und auch der heutige Vortrag bestenfalls als eine Studie zu dem Problem gelten.

Ich will mich daher heute nur auf drei Aspekte konzentrieren.

Fangen wir mit dem ersten Bild an:


1) Die große Halle als Bühne

Postkarte -
Große Halle des Berghofs –
Adolf Hitler ließ sich dieses Haus auf den Obersalzberg bauen – Führerhauptquartier –
Warum hier? –
Berlin und Obersalzberg –

Das Bild beantwortet diese Frage –
Die Souveränität des erhöhten Blicks –

Obersalzberg als Bühne

Dabei leiht sich der Vordergrund, der Kulturraum der faschistischen Macht, die symbolische Aufladung des Bergpanoramas dahinter, also des Naturraums. Aber hier färbt gewissermaßen nicht nur die Überzeitlichkeit und Erhabenheit der Berge auf das Zimmer ab, das Zimmer fasst mittels des Fensterrahmens das Erhabene auch noch ein, gibt ihm einen Rahmen, eine Form und steht ihm nicht etwa alleine und ohnmächtig gegenüber wie der Wanderer in den Gemälden von CDF.

Der Anspruch ist der, einer Ideologie, die einerseits im Bunde mit der Natur und zum anderen als Bezwingerin der Natur auftritt.

Große Fenster in der Politik

[Hauptquartier Berlin]

[Oval Office]

[Foto 1]

Meine These: Der Blick durch das Fenster rahmt die Welt und macht sie dadurch für den Blick beherrschbar.

Der Führer hat die Welt im Blick, er hat sie unter Kontrolle.

Es geht also um Fragen der Macht! Der Beherrschung oder Kontrolle.

[Foto 1]
Hier: Der Rahmen schafft nicht nur Ränder, sondern Kartografiert die Landschaft. Verschiedene Techniken der Strukturierung des Sichtbaren: Fenster – Globus – Plantisch

Planungstisch – Welteroberung planen
[Planung am Tisch]

Der indische Schriftsteller und Kurator Ranjit Hoskoté:
„It is important to renounce the idea that one can possess and control the world simply because one has the means of containing it within maps and measurements.“


2) Archaisches Bild und Narration

[Foto 2]

Das zweite Bild ist eine genaue Reproduktion des ersten.

Wir wissen nicht, warum Hierzegger dieses Foto gemacht hat.
Weder die Mitarbeiter im Dokumentationszentrum Obersalzberg noch der Enkel von Adolf Hierzegger,
der das Familienunternehmen, die Fotohandlung, heute leitet,
konnten uns sagen, wie es zu der Aufnahme kam.

Ausschnitt, Winkel und Abstand sind fast identisch.
Dadurch wird der Unterschied im Gleichen hervorgehoben, die Fotografie inszeniert also die Veränderung des Innenraums und damit den historischen Prozess.
Wir sehen das, was anders ist.


Man kann diese beiden Bilder zusammen als Comic lesen. Also als Bildnarration, bei der das erste und das zweite Bild sich gegenseitig überhaupt erst ihren Sinn geben.
Dann würde man vielleicht sagen:
Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist die geschichte vom fall der macht oder von der beständigkeit der natur versus der unbeständigkeit der kultur.

[Foto 1 und 2 nebeneinander]

Aber natürlich hat auch im comic jedes bild für sich einen eigenen sinn, ist auf eine weise abgeschlossen (durch den bildrahmen) genauso wie es auf einen andere weise unabgeschlossen ist (durch die abfolge mehrerer bilder auf der seite). Dieses Kräftemessen zwischen dem einzelbild und der serie, ist wahrscheinlich das, was comics ihre spannung gibt.

In bezug auf historische comics, also comics, die geschichte, historie zum thema haben,
schreibt georg seeslen,
dass es darin um einen kampf zwischen der ideologie der historischen linearität, also etwa des fortschritts, und der wie seeslen sagt „archaischen“ behauptung des einzelbildes geht, man könnte sagen des moments, der sich gegen den fortschritt zu behaupten versucht.

Wenn man diese idee auf unsere beiden bilder bezieht, wird auch klar, wie sich die faschistische ideologie in dem ersten bild abbildet.

Das statische, perfekt arrangierte des ersten Bildes drückt Zeitlosigkeit aus.

Hier wird die Idee oder das Vesprechen von Ewigkeit inszeniert.


Das zweite Bild verändert und verrät diese Ideologie komplett.

Erstens kommt ein Element von Veränderung, von Vergänglichkeit herein: wir erkennen das gemachte und veränderbare des Kulturraums – das Haus ist durch die Alliierten bombardiert, das Zimmer zerstört worden.
Zweitens verändert sich nur die eine der beiden Ebenen, nämlich der Kulturraum im Vordergrund, während der Hintergrund sozusagen unbewegt und unberührt bleibt.

Dadurch wird die Verbindung aufgelöst, und der Unterschied betont. Auch der Griff des Fensterrahmens auf die Landschaft ist gelockert. Plötzlich scheint der Hintergrund den Vordergrund zu dominieren.


3) Öffnungen und Rahmen

Im Comic werden einzelne, in sich geschlossene Bilder zu einer Narration zusammengefügt. Konkret bedeutet das, dass Elemente eines einzelnen Bildes im darauffolgenden Bild wieder auftauchen oder eben nicht, und über dieses Wiederauftauchen, anders auftauchen oder nicht mehr auftauchen wird Veränderung inszeniert. Das bedeutet, dass die Bilder nicht in sich geschlossen sind, sondern zu zwei Seiten hin offen, dass die Bildelemente über den Rahmen hinausweisen. Der narrative Sinn der Comicbilder besteht nur in ihrer Öffnung.

Die Bilder, mit denen wir es zu tun haben, sind aber noch auf eine andere Weise offen, und zwar in die Tiefe. Man könnte auch sagen, es sind immer zwei Bilder in einem, oder ein Bild, dass sich in ein anderes öffnet. In beiden Bildern ist es meines Erachtens ambivalent, ob das inhaltliche Bildzentrum im Vordergrund – im Zimmer – oder im Hintergrund liegt – auf den Bergen. Man kann ohne Probleme die Bilder benutzen, um das österreichische Bergpanorama zu studieren. Oder sich nur für die Inneneinrichtung interessieren. Das ist eine Frage der Betrachtung.

Dieses Öffnen in die Tiefe ist in der bildenden Kunst von großer Bedeutung.
Bilder sind nur 2-dimensional
Wie kann man ihnen eine dritte Dimension geben?
Verschiedene Strategien:

1. Rahmen
[BEISPIEL]

2. Zentralperspektive
[Zentralperspektive]

Auf diesem Bild aus dem 18.Jhh sehen wir beides –
die Zentralpespektive
wie sie hergestellt wird, mittels eines Fensters, das die Welt einteilt
Das Ergebnis dieser Operation: Linien

[Zimmerbild]

Bei beiden Strategien geht es um unsere Position vor dem Bild

Das heißt, das Bild erkennt uns

Wir werden teil der Bildoperation

Gleichzeitig werden wir aber auch aus dem Bild gelöscht.
Wie man hier sieht: Spiegel

das bild öffnet unseren raum in die tiefe

greift also auch in unseren raum ein

das heißt also, das 2-dimensionale bild wird nicht nur mit einem trick dreidimensional gemacht, also tiefe hinzugefügt

sondern mit dem gleichen trick wird unserem raum, also dem museumsraum oder unserem wohnzimmer, ein raum hinzugefügt.

Brian O'Doherty hat das sehr schön in den 60er Jahren beschrieben, als unseren Trip nach Anderswo.
E) Rückblick Zusammenfassung

Gehen wir noch mal die Fakten durch, bevor wir ein Resümee ziehen:

Hitler lässt sich ab 1933 mit der gesamten Führungsriege der NSDAP auf dem Obersalzberg nieder.

Er baut einen bescheidenen Bauernhof in eine Kommandozentrale und einen Walfahrtsort um. Zentraler Punkt dieses Zentrums der Macht: Die große Halle mit dem 4 mal 8 Meter großen Fenster mit Blick auf das Bergpanorama.

Der Propagandafotograf Bauer fotografiert die große Halle als Abbild ewiger Vereinigung von weltlicher Macht und Naturgewalt, als Weltkontrollraum.

1945: Feindliche Bomben zerstören das Haus und das Zimmer bis auf die Mauern. Der Berchtesgadener Fotograf Adolf Hierzegger klettert wie hunderte anderer Schaulustige auf den Berg und fotografiert die Ruine mehrfach als touristisches Motiv, bevor sie 1952 gesprengt wird.

Unter anderem stellt er sich in die große Halle und reproduziert die Aufnahme des großen Fensters, die er vermutlich von der NS-Propaganda her kannte. Er muss dafür den gleichen Ort im Raum bestimmen, von dem aus das erste Foto gemacht wurde. Es gelingt ihm beinahe perfekt.

Das gleiche Motiv. Der gleiche Rahmen. Der gleiche Ausschnitt des Bergpanoramas.

2011 finde ich bei einer Recherche für das Theater über Möbel im Nationalsozialismus die beiden Fotografien in diesem Buch auf einer Seite abgedruckt.

2013 fahre ich mit zwei Künstlern zusammen an den Ort, an dem die Fotografien entstanden, und baue mit möglichst einfachen Mitteln den Fensterrahmen nach. Die Konstruktion steht etwa 3 Sekunden lang und fällt dann um. Wir filmen genau aus der gleichen Perspektive wie Hierzegger und Bauer – so weit das unter den Begebenheiten möglich ist. Das gleiche Motiv. Der gleiche Rahmen. Der gleiche Ausschnitt des Bergpanoramas.

Danach schrauben wir die Konstruktion wieder auseinander und entsorgen die etwa 50 Meter Dachlatten im Bioheizkraftwerk in Berchtesgaden, wo sie verfeuert werden.


Die Frage ist natürlich – sind wir jetzt schlauer? Hat diese Aktion etwas erklärt? Sieht man an diesem Bild etwas, das man vorher nicht gesehen hat? Kann ich jetzt begreifen, was mich an den anderen beiden Bildern ergriffen hat?

Und – auch das ist eine wichtige Frage: Wie finden Sie das eigentlich. Ist das hier eigentlich faschistisch? Wie der freundliche Mitarbeiter des Dokumentationszentrum, der uns die Aktion schließlich doch noch verbieten wollte, sagte: Das ist sensibles Gelände da oben.

Also – ist dieses Foto hier, eine Nazidevotionale.
Die ganze Aktion eine Huldigung oder ein Heldendenkmal?
Wie schätzen sie das ein? Wie schätzen sie mich ein?
Auf welcher Seite stehe ich eigentlich?
Können Sie mir trauen?






F) Weltkunst

Der Soziologe Niklas Luhmann
„Über Weltkunst“
es kann keine Weltkunst geben, denn jede Kunst ist Ausschnitt.

Man könnte es auch umdrehen und sagen –
Kunst ist immer dann, wenn die Welt im Rahmen steckt.

D.h. wenn wir sie als gerahmt, als begrenzt wahrnehmen.
Als Ausschnitt.

Das nennt man Ästhetik, und das machen sie selbst.

Übrigens können sie gar nicht anders, als in Ausschnitten wahrzunehmen. D.h. nicht, dass sie alles wie ein Gemälde mit Rahmen drum wahrnehmen, sondern nur, dass sie permanent Entscheidungen treffen, dies oder jenes wahrzunehmen oder nicht.

Wahrnehmen heißt Unterscheiden.

Man könnte auch sagen, wahrnehmen heißt, nicht wahrnehmen, nämlich das, was nebendran liegt.

Sie können das gerne ausprobieren, indem sie versuchen, zu sehen, was sie gerade sehen. Also ihr Sehfeld zu überprüfen – bis wohin schauen sie, wo hört ihr Sehfeld auf.

Sie können das nur machen, indem sie woanders hinschauen, nämlich daneben.

Nur wenn sie die Ränder verschieben, können sie sehen, wo die Ränder waren. Dann sind sie aber schon nicht mehr da.

Ein anderes Beispiel: Das hier ist ein Bild einer früheren Performance von mir.
Sie können ganz klar unterscheiden, wo es anfängt und aufhört.

[Moorsoldaten]
Ränder

Deutlicher:
Goldener Rahmen

Der Rahmen beschränkt nicht nur die Welt –
Ende und Anfang – Oben und Unten –
er definiert auch den eigenen Standpunkt.

Wie gesagt, das Bild erkennt mich, weiß wo ich bin.

Wenn das da vor mir im Rahmen ist, dann bin ich vor dem Rahmen, also außerhalb.

Das macht natürlich Bilder auch so angenehm. Die meisten zumindest.

Das ist ein schöner Gedanke. Eine sichere Position.
Außerhalb sein.
Also auf dem Obersalzberg stehen und nicht da sein. Sich da eben nicht auf sensiblem Gelände befinden.

Oder das hier alles so anzugucken, aber nicht mit im Raum sein zu müssen, oder zumindest nicht mit mir auf der gleichen Seite stehn zu müssen.

Ich möchte noch auf eine Umkehrung dieses Prinzips,
also die Natur in einem Rahmen zu fassen,
aufmerksam machen.


Inzwischen, hat sich Die Operation die Welt in den Rahmen zu setzen und zu kartografieren